Euro-Wut: Ein „diplomatisches und wirtschaftliches Stalingrad“
Dezember 3rd, 2011 Kommentare deaktiviert
Der britische Wirtschaftsjournalist Ambrose Evans-Pritchard verteidigt die deutsche Normalbevölkerung vor ausländischer Kritik und verurteilt die nachkriegsdeutsche politische Klasse: Die Deutschen seien „die größten Opfer dieses ruinösen Projekts“, meint Evans-Pritchard. “Ihre Eliten haben sie in ein diplomatisches und wirtschaftliches Stalingrad geführt.“
Euro-Wut: Ein diplomatischen und wirtschaftliches Stalingrad
[Der Artikel erscheint im Original auf Evans-Pritchards Blog des Telegraph, die Übersetzung in’sDeutsche publizierte Eigentümlich frei
(ef-RG) Ambrose Evans-Pritchard ist der für internationale Wirtschaft zuständige Redakteur des Londoner „Daily Telegraph“. Obwohl ein langjähriger Gegner der Währungsunion, spricht er sich dieser Tage für eine Kreditexpansion durch die EZB aus – was ihn für Anhänger der Österreichischen Schule der Ökonomie suspekt macht. Heute jedoch brach Evans-Pritchard eine Lanze für die Deutschen. Diese sehen sich in der Euro-Krise zunehmend teilweiser hochemotionalen Anfeindungen im europäischen Ausland ausgesetzt, insbesondere im Süden des Kontinents.
Die Deutschen seien aus „ehrenhaften Motiven“, wenn auch „widerstrebend“, dem Euro beigetreten, weil sie glaubten, gute Europäer sein zu müssen, und weil dies der Preis für die Wiedervereinigung war, erklärt der Brite. Sie erwarten nun, dass andere Länder sich ebenso geduldig aus einer Rezession herausarbeiten, wie sie es nach der Wiedervereinigung taten. Dass Deutschland sich derzeit in einem „merkantilistischen Aufschwung“ befindet, sei jedoch Zufall. „Der Euro ist die Ursache all dieser Probleme, nicht deutsche Ambitionen oder Motive“. Deutschland werde heute mehr gehasst als jemals seit dem Zweiten Weltkrieg, weil es sich zur Beteiligung an einem „ruinösen Währungsexperiment“ habe verleiten lassen, und aus keinem anderen Grund.
Ambrose-Pritchard hat aber auch harte Worte für die Deutschen übrig: „Deutschland kann die Uhr nicht zurückdrehen. Es hat den schicksalshaften Schritt in die Währungsunion vollzogen, und aus diesem schrecklichen Fehler folgt eine Reihe strategischer Notwendigkeiten.“ Wie die „weisen Professoren“ damals warnten, erinnert der britische Journalist, würde eine europäische Währungsunion „unvermeidlich zu einer Fiskalunion führen“, doch diese werde „keinem gegenüber rechenschaftspflichtig sein, weil es keine europäische Demokratie gibt, und keine geben kann.“
Die souveränen Befugnisse des Bundestages, über Steuern und Ausgaben zu befinden, werde an EU-Funktionäre verlorengehen. Die „beispielhafte Nachriegsdemokratie Deutschlands“ werde „entmannt“, der Nationalstaat Deutschland „im wesentlichen abgeschafft“, alles andere sei „Illusion und Wunschdenken.“
Das sei die Situation, vor der Deutschland jetzt steht: „Entweder muss es sich für die Währungsunion selbst opfern und den Bismarckschen Staat demontieren, oder zusammen mit den Finnen, den Niederländern und den Österreichern die Finanzierung eines geordneten Rückzugs aus der Währungsunion vorbereiten, so dass der Süden wieder atmen und Hoffnung auf eine Erholung schöpfen kann.“
Das sei eine „furchtbare Wahl“. Evans-Pritchard bringt sein Mitgefühl für das deutsche Volk zum Ausdruck, „dem bei der Umschlingung und Feudalisierung ihres friedlichen Landes keine Wahl gegeben wurde, das von seinen eigenen Führern ungeheuer getäuscht wurde, und das jetzt nicht im Ansatz verstehen kann, warum es plötzlich das Ziel solch wütender und giftiger weltweiter Kritik geworden ist.“
Die Deutschen seien „die größten Opfer dieses ruinösen Projekts“, meint Evans-Pritchard, der seinen heutigen Beitrag im Blog des „Telegraph“ mit dem Satz schließt: „Ihre Eliten haben sie in ein diplomatisches und wirtschaftliches Stalingrad geführt.“