Lügen

November 20th, 2011 Kommentare deaktiviert


Der Syrer Iyad Khuder, in Damaskus geboren, spricht neben seiner Muttersprache Arabisch fließend Englisch, Spanisch, Französisch und Italienisch. Der Elektroingenieur betreut u.a. das Informationsportal Syriaonline, für das er mit internationalen Medien in Kontakt steht. Das Nachrichtenmagazin Zuerst führte mit ihm ein exclusives Interview, in dem Khuder zur Lage in Syrien spricht. Die Berichterstattung der westlichen Medien bilanziert er so: “Lügen über Lügen”

“Lügen über Lügen”

Zuerst: Herr Khuder, die Lage in Syrien spitzt sich zu, glaubt man den westlichen Medien. Noch immer schlachtet die Regierung von Präsident Baschar al-Assad demonstrierende Zivilisten ab…

Khuder: Als ganz normaler Syrer kann ich da nur sagen: Das ist wirklich lächerlich. Als jemand, der selbst im Medienbereich arbeitet, stelle ich fest: Wenn westliche Journalisten wirklich über Tatsachen berichten wollen, sollen sie nach Syrien kommen. Dort können sie nämlich mit eigenen Augen sehen, was hier wirklich los ist. Und es ist authentischer, als voneinander abzuschreiben und irgendwelche verwackelten youtubevideos als Augenzeugenberichte zu nutzen oder völlig ungeprüft irgendwelche falschen Nachrichten zu verbreiten.

Zuerst: Zum Beispiel ?

Khuder: Am 7. Juni wurde verbreitet, dass die syrische Botschafterin in Paris, Lamia Shakkour, aus Protest gegen die Regierung in Damaskus zurückgetreten sei. Eine Frau, die sich als die Botschafterin ausgab, hatte beim Sender FRANCE 24 angerufen. Sofort wurde die Nachricht verbeitet. Allerdings handelte es sich bei der Anruferin gar nicht um die Botschafterin. Frau Shakkour hat die Falschmeldung zwar sofort richtig gestellt, doch da lief die Nachricht bereits auf allen internationalen Kanälen.

Zuerst: Sie sagten, Journalisten sollten selber nach Syrien kommen. Aber Medienleute dürfen doch gar nicht einreisen, ist immer wieder zu lesen…

Khuder: Das ist Unsinn. Das wird immer wieder verbreitet, weil die syrische Regierung den internationalen Medien nach eigenem Bekunden nicht mehr traut. Der Sender Al-Dschasira beispielsweise hat seine Mitarbeiter aus Syrien abgezogen, nachdem aufgebrachte syrische Bürger vor dem Damaszener Büro des Senders gegen die Anti-syrische Propaganda demonstriert haben. Den Rückzug aus Syrien nutzte Al-Dschasira als eine willkommenen Gelegenheit, weitere Lügen zu verbreiten. So heißt es schließlich: “Syrien dulde keine ausländischen Medien im Land”. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Regierung hat an mehr als 50 internationale Nachrichtenmedien Einladungen ausgesprochen, um vor Ort über das tatsächliche Geschehen zu berichten.

Zuerst: Und sie sind gekommen?

Khuder: Nein, die Einladung wurde von der übergroßen Mehrheit der angesprochenen Medienhäuser einfach ignoriert. Nur einige wenige kamen tatsächlich nach Syrien.

Zuerst: Woran liegt das ihrer Meinung nach?

Khuder: Ich kann ihnen die wahre Geschichte von einem belgischen Journalisten erzählen, den wir eingeladen hatten. Er war schon oft in Syrien. Wir fragten ihn, ob er nicht noch weitere Kollegen aus seinem Land mitbringen könne. Doch als diese ihre Arbeitgeber fragten, ob sie an einer Journalistenreise nach Syrien teilnehmen dürften, lehnten die Chefs das ab.

Zuerst: Warum?

Khuder: Die Antwort war überall: Nein, abgelehnt, die syrische Regierung könnte eine solche Reise zu ihrem Vorteil nutzen. Eine solche Antwort sagt viel über den geistigen Zustand der großen Mainstream-Medien in Europa aus. Man verbreitet lieber ungeprüft Anti-syrische Propaganda, anstatt sich selber ein Bild zu machen. Man will dort gar nicht die Wahrheit erfahren oder diese gar verbreiten. Man will dort die öffentliche Meinung auf Kurs halten – wie es Washington und die Nato vorgeben.

“Ich weiß, dass die meisten Journalisten, die selber nach Syrien kommen, für den Papierkorb schreiben”.

Zuerst: Doch was ist mit den Journalisten, die kommen? Weshalb liest, hört und sieht man von denen kaum etwas?

Khuder: Ich weiß, dass die meisten von denen für den Papierkorb schreiben. Es wird oftmals einfach nicht veröffentlicht. Ein Reporter eines arabischen Fernsehkanals beschwerte sich einmal, dass keine einzige seiner Reportagen oder Aufnahmen über den Sender gingen. Ein anderer Reporter von Al-Dschasira berichtete einmal über Gefechte zwischen der syrischen Armee und Milizen. Das hätte er mal besser nicht gemacht. Man hat ihn nie wieder auf dem Sender gesehen. Er hätte mal besser berichtet: Die syrische Armee tötet friedliche Demonstranten.

Zuerst: Aber die Demonstrationen gibt es doch…

Khuder: Ja, die gibt es. Aber da müssen wir bei den Tatsachen bleiben

Zuerst: Und die wären?

Khuder: Zunächst werden in den internationalen Medien stets galaktische Zahlen genannt. Dort heißt es immer, Zehntausende von Regierungsgegener würden auf die Straße gehen. Doch insgesamt – in ganz Syrien – dürften es nur einige wenige tausend sein. Und viele von ihnen werden von den Organisationen, die dahinter stehen, bezahlt. Ich sehe jede Woche nach dem Freitagsgebet einige Dutzende Demonstranten auf der Straße. So ist das in allen syrischen Städten: Ein paar Dutzend hier, ein paar Dutzend dort. Die europäischen Medien und Al-Dschasira berichten dann: “Überall in Syrien finden Demonstrationen gegen die Regierung statt”. Rein den Worten nach ist das natürlich nicht falsch. Aber beim Publikum entsteht der Eindruck, als würden Hunderttausende von Syrern demonstrieren.

Zuerst: Sie sagten, die Leute bekommen Geld dafür?

Khuder: (lacht) Ja wir machen bereits Witze darüber. Es gibt einen neuen Teilzeitjob: Demonstrant.

Zuerst: Wer steht ihrer Ansicht nach hinter den Demonstrationen?

Khuder: Die Stiftungen und Organisationen sitzen in Washington, Paris und London, der Stützpunkt für die Organisation ist in Tel Aviv, logistische Unterstützung und Geld kommen von den arabischen Golfstaaten, und Ankara dient sich als Unterstützer an. Wir werden wieder Zeugen einer eigentümlichen Kooperation zwischen sogenannten fortschrittlichen westlichen Staaten wie den USA, Frankreich und England auf der einen Seite und den ultrakonservativen, totalitären Monarchien des arabischen Golfs auf der anderen Seite. Der Westen unterstützt terroristische Milizen, während er gleichzeitig angeblich einen “Krieg gegen den Terror” führt.

“Mit Staatsgewalt kann man keine Revolution auf Dauer unterdrücken”.

Zuerst: Die westlichen Medien behaupten, die Gewalt gegen die Demonstranten seitens der Armee nehme immer weiter zu.

Khuder: Ja, ich weiß. Aber sehen Sie: Die angebliche “Revolution” findet nun seit sieben Monaten statt. Vergleichen sie das doch mal mit den Revolutionen in der nordafrikanischen Staaten: In Tunesien dauerte es gerade einmal 23 Tage, bis das Regime stürzte, in Ägypten 18 Tage. In Libyen hat Oberst Muanmmar al-Gaddafi die Kontrolle über sein Land bereits in den ersten Wochen verloren, libysche Regierungsmitglieder wechselten innerhalb des ersten Monats die Seiten. In Syrien gibt es das alles nicht.

Zuerst: Weil die Regierung mit Gewalt und einem riesigen Geheimdienstapparat gegen die Demokratiebewegung vorgehe…

Khuder: Mit Staatsgewalt kann man keine Revolution auf Dauer unterdrücken. Das zeigen ebenfalls die von mir genannten Beispiele. Außerdem: Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak verfügte über einen der fähigsten Geheimdienste der Region. Genutzt hat es ihm nichts.

Zuerst: Es gibt also gar keine “Revolution” gegen Präsident al-Assad?

Khuder: Revolutionen unterdrückter Völker starten doch normalerweise an öffentlichen Plätzen, in Fabriken, in Universitäten oder anderen kulturellen Zentren. Auch das konnte man an den nordafrikanischen Beispielen beobachten. In Syrien hingegen gibt es die Demonstrationen nur nach dem Freitagsgebet.

Zuerst: Was hat das mit dem Freitagsgebet zu tun?

Khuder: Radikale Prediger nutzen die Zusammenkunft der Gläubigen, um sie aufzuhetzen. Sie wecken radikale religiöse Gefühle der Menschen. Wenn am Ende des Gebets “Allahu Akbar” gerufen wird, verschmelzen die Leute zu einer Einheit. Die Rädelsführer nutzen das aus, um sie direkt ins  Mittelalter zurückzuführen.[...]

[1] Das komplette Interview findet man in der November-Ausgabe von Zuerst. In englische Sprache publizierte Syriaonline das Gespräch.
[2] Das Titelbild des Blogeintrags stammt ebenfalls aus der gedruckten Ausgabe von Zuerst.
[3] Nun wird, wie vorher gegen Libyen, auch gegen Syrien eine Flugverbotszone gefordert. Wie die Kriege des 21 Jahrhunderts vorbereitet/legitimiert/durchgeführt werden, lässt sich anhand dieser zwei Artikel erahnen.
a. Die Revolutionsprofis
b. Responsibility to protect

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